In deinem Nachthemd

für Leni
 
 
 
Vorgestern schenkte
ich dir ein schönes Nachthemd.
Du wirktest verwirrt.
 
 
*
 
 
Hast du dich gefreut?
In deinem Nachthemd sahst du
sehr zart und schön aus.
 
 
*
 
 
Leuchtende Farben,
ein weicher, fließender Stoff,
ein zartes Muster.
 
 
***
 
 
Du wolltest schlafen,
wolltest nichts als schlafen –
in deinem Nachthemd.
 
 
*
 
 
Hast du dich gefreut?
Du bist gleich eingeschlafen –
in deinem Nachthemd.
 
 
*
 
 
Im Grunde haben
wir dich bereits verloren –
an deine Träume!
 
 
***
 
 
Und wie schön du bist –
interessiert dich nicht mehr.
Doch wir sehen dich –
 
 
*
 
 
– sehen dich: schlafen –
eingehüllt in den warmen
Stoff – deiner Träume!
 
 
*
 
 
Warm, weich, leuchtend, bunt
sei der Stoff deiner Träume –
in denen du lebst!

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 
 
 
 
 
 
 

 
 
Hannah

15./16.11.2019

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Losgelöst und doch / Verbunden – mit der Erde

 
 
Wie ein einziges
Gestirn die dunkelste Nacht
erleuchten kann! Mond –
 
 
*
 
 
– wie hell und klar du –
in diese Nacht gestanzt bist –
und sie erleuchtest!
 
 
*
 
 
An dir will ich mich
orientieren, Vollmond –
und an deinem Licht!
 
 
***
 
 
Losgelöst und doch
verbunden mit der Erde –
die du erleuchtest!
 
 
*
 
 
Unerschütterlich.
Was könnte dich erschüttern –
klarer, heller Mond?
 
 
*
 
 
Mir fällt kein Wort ein –
das dich beschreiben könnte –
in deiner Klarheit!
 
 
***
 
 
In Wirklichkeit bist
du ein Spiegel der Sonne –
und doch: mehr als das!
 
 
*
 
 
In Wirklichkeit bist
du kalt und weit entfernt – doch
mich erreicht – dein Licht!
 
 
*
 
 
In Wirklichkeit weiß
ich nicht, was genau du bist –
klarer, heller Mond!
 
 
***
 
 
In Wirklichkeit kann
ich dich niemals erreichen –
doch du erreichst – mich!
 
 
*
 
 
Über den Dächern
ziehst du deine Bahnen, Mond.
Schon verschwindest du.
 
 
*
 
 
Und doch bist du da –
ob ich dich nun sehen kann –
oder nicht: mein Mond.
 
 
*****
 
 
Mond, du streust dein Licht
in meine dunklen Nächte –
und erleuchtest sie!
 
 
*
 
 
Mond, du nimmst dein Licht
zurück – im Licht der Sonne –
verblasst – das deine!
 
 
*
 
 
Du nimmst dich zurück –
wenn das Sonnenlicht erscheint –
und kehrst doch wieder –
 
 
***
 
 
– aus der Dunkelheit –
zurück: leuchtendes Vorbild –
im Dunkel der Nacht!
 
 
*
 
 
Mond, du wirfst dein Licht
ins Dunkel meiner Nächte
und wanderst weiter –
 
 
*
 
 
– und läßt mich zurück –
in der Kälte des Morgens –
dann, wenn es hell wird.
 
 
***
 
 
Und ich suche dich –
nicht – wenn die Sonne erscheint –
vergesse ich – dich –
 
 
*
 
 
– und vergesse dich –
doch nicht. Denn immer wieder –
im Dunkel der Nacht –
 
 
*
 
 
erscheint mir dein Licht
– so fern, so unerreichbar –
doch du erreichst: mich!

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 
 
 

 
 
Hannah

14.11.2019

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Hand in Hand auf dem Sofa

 
 
Hand in Hand sitzt ihr
auf dem bequemen Sofa.
Hand in Hand schlaft ihr –
 
 
*
 
 
– ein – auf dem Sofa –
und wacht wieder auf. Händchen
haltend sitzt ihr da –
 
 
*
 
 
– während du erzählst –
von guten alten Zeiten.
Wir hören dir zu.
 
 
***
 
 
Wenn einer von euch
stirbt, wird es sehr schwer werden –
für den anderen!
 
 
*
 
 
Doch noch sitzt ihr da –
und die Welt ist in Ordung –
bis auf die Schmerzen!
 
 
*
 
 
Die Enkelkinder
bringen Kuchen. Der Jüngste
malt ein Bild für euch.
 
 
***
 
 
Und du, Opa, streichst
ihm über die Haare und
sagst: schöne Frisur!
 
 
*
 
 
Auch Hitler, sagst du
hatte so eine Frisur –
mit Seitenscheitel!
 
 
*
 
 
Wir überhören
diese deine Bemerkung
und essen Kuchen.
 
 
***
 
 
Hand in Hand sitzt ihr
auf dem bequemen Sofa
und esst den Kuchen –
 
 
*
 
 
Wer weiß, wie lange
ihr da noch sitzen werdet.
Wer weiß, wie lange –
 
 
*
 
 
ihr noch gemeinsam
Kuchen essen werdet! Wer
weiß, wie lange noch – – –

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 
Hannah

13.11.2019

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Dein Geburtstag naht

 
 
Dein Geburtstag naht.
Du weißt nicht, wie alt du wirst –
aber du freust dich!
 
 
*
 
 
Wie alt werde ich?
fragst du wieder und wieder.
Wir sagen es dir.
 
 
*
 
 
Werde ich neunzig?
Nein, du wirst einundneunzig!
Wir werden feiern!
 
 
***
 
 
Du wirst uns vom Krieg
erzählen. Das waren noch
Zeiten! Der Hitler –
 
 
*
 
 
– hat für uns gesorgt!
Du glaubst nicht, was der Hitler
alles getan hat!
 
 
*
 
 
Hoffentlich wirst du
den Hitler bald vergessen!
Vergiß: diesen Mann!
 
 
***
 
 
Du weißt nicht, wie alt
deine Enkelkinder sind –
aber den Hitler –
 
 
*
 
 
den vergißt du nicht!
Wirklich? Muß das wirklich sein?
Diese Geschichten –
 
 
*
 
 
über den Hitler
möchte ich nicht mehr hören!
Aber über dich!
 
 
***
 
 
Wie ging es dir, als
du ein kleiner Junge warst?
Ganz gut! Der Hitler –
 
 
*
 
 
– sorgte anscheinend dafür,
daß es euch gut ging!
Ach ja? War das so?
 
 
*
 
 
Du musstest schuften –
auf einem Bauernhof. Dort
gab es gute Wurst!
 
 
***
 
 
Du warst ein armer
Junge. Doch die gute Wurst –
die vergißt du nicht!
 
 
*
 
 
Einmal pro Woche
wurde ein Schwein geschlachtet
auf dem Bauernhof.
 
 
*
 
 
Und auch für dich fiel
ein Stückchen gute Wurst ab.
Du erinnerst dich!
 
 
***
 
 
Nächste Woche wirst
du einundneunzig. Und wir
werden dich feiern!
 
 
*
 
 
Du wirst erzählen.
Hoffentlich mehr über dich
als über den Krieg!
 
 
*
 
 
Du warst und bist
ein einfacher Mann, Vater
Ehemann, Opa.
 
 
***
 
 
Ein Kriegsverbrecher
bist du nicht. Damals warst du
ein kleiner Junge.
 
 
*
 
 
Auf dem Bauernhof
hast du geschuftet. Es hat
dir nicht geschadet –
 
 
*
 
 
– sagst du. Nun ruhst du
dich aus, ißt Kuchen, erzählst
von alten Zeiten.
 
 
***
 
 
Damals, das waren
Zeiten, sagst du, die könnt ihr
euch nicht vorstellen!
 
 
*
 
 
Wie alt werde ich?
fragst du zwischendurch wieder.
Wir sagen es dir.
 
 
*
 
 
Bald ist es soweit.
Und vielleicht vergißt du bald
die alten Zeiten!

 
 

 
 
 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 
Hannah

13.11.2019

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Über die Grenzen

 
 
Die Grenzen zwischen
damals und heute, zwischen
Sommer und Winter –
 
 
*
 
 
Die Grenzen zwischen
Diesseits und Jenseits, zwischen
Liebe und Verlust –
 
 
*
 
 
– langsam und leise –
überschreiten. Die Grenzen
verschwimmen lassen. –
 
 
***
 
 
Vergiß: die Grenzen –
zwischen hier und dort, zwischen
– damals – und heute!
 
 
*
 
 
Über die Grenzen
hinweg – rufe ich dir zu:
Vergiß – die Grenzen!
 
 
*
 
 
Über die Grenzen
denke ich nach – und schreibe:
Vergiß die Grenzen!
 
 
***
 
 
Über die Grenzen –
will ich nachdenken, schreiben –
bis sie verschwimmen!
 
 
*
 
 
Sommer und Winter,
damals und jetzt verschwimmen –
im klaren Herbstlicht!
 
 
*
 
 
Liebe und Verlust
gehen immer Hand in Hand –
über die Grenzen!

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 
 
 
 
 
 
 
Hannah

12.11.2019

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