Ein Buch beginnen / Wie soll es enden?

 
I
 
 
 
Ein Buch beginnen:
in der Dunkelheit – eines
kalten Herbstmorgens.
 
 
*
 
 
Jede Jahreszeit
ins Wort, ins Auge fassen.
Wieder ist es Herbst!
 
 
*
 
 
Leuchtend, dieser Herbst!
Das Licht der Worte durchbrach
meine Dunkelheit!
 
 
 
II
 
 
 
Leuchtend: die Blätter
im warmen Licht der Sonne!
Hell und mild: der Herbst!
 
 
*
 
 
Doch jeder Herbsttag
beginnt: mit der Dunkelheit.
Und so – auch dieser!
 
 
*
 
 
Wie könnte mein Buch
nun enden? Ein happy end:
der helle Herbsttag?
 
 
 
III
 
 
 
Oder aber ein
sich bald in der Dunkelheit
verlierendes Wort?
 
 
*
 
 
Lasse ich mein Buch
an einem Herbsttag enden?
Natürlich. Heute!
 
 
*
 
 
Lasse ich es nun
ausklingen: mit dem Morgen
oder: in der Nacht?
 
 
 
IV
 
 
 
Sollte das Dunkel
oder sollte doch: das Licht
am Ende stehen?
 
 
*
 
 
Sollte das Nahen
des Winters meinen Zeilen
ein Ende setzen?
 
 
*
 
 
Sollten die Wolken
am Ende stehen – oder
die Morgenröte?
 
 
 
V
 
 
 
Sollten die Blätter
leise zur Erde schweben –
in meinen Worten?
 
 
*
 
 
Sollte ich das Licht
ein letztes Mal ins Auge
der Worte fassen?
 
 
*
 
 
Dieses Buch begann
mit der Kälte des Herbstes!
Wie soll es enden?
 
 
 
VI
 
 
 
Wieder friere ich –
doch gleich geht die Sonne auf!
Vor mir liegt: der Herbst!
 
 
*
 
 
Vor mir: der Beginn
eines strahlenden Tages!
Hinter mir: die Nacht!
 
 
*
 
 
Vor mir: der Beginn
eines weiteren Winters!
Hinter mir: Sommer!
 
 
 
VII
 
 
 
Und doch fällt das Licht
des Sommers – in den Herbst, und
wärmt – die Herbstworte!
 
 
*
 
 
Endlos: der Kreislauf
der Jahreszeiten! Und doch:
ein Buch muß: enden!
 
 
*
 
 
Endlos: die Suche
nach dem richtigen Ende.
Doch was heißt: richtig?
 
 
 
VIII
 
 
 
Endlos: die Suche
nach den passenden Worten!
Doch was heißt: passend?
 
 
*
 
 
Endlos: die Fragen,
die offen bleiben müssen!
Offen: das Ende?
 
 
*
 
 
Endlos: der Kreislauf
der Jahreszeiten! Ewig:
das Licht – im Dunkel!

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 
 
 

 
 
Hannah

6.10.2018

3 Kommentare

Eingeordnet unter Allgemein

3 Antworten zu “Ein Buch beginnen / Wie soll es enden?

  1. Ich sehe, was du mit deiner Unentschiedenheit meinst, liebe Hannah. Das Herbstgedicht wirkt noch unaufgeräumt, noch nicht in einer spezifischen Richtung angekommen. Es mutet eher wie ein Jahreszyklus-Gedicht an, nicht wie ein Gesang auf den Herbst. Aber es wäre ohnehin eine schwierige Aufgabe, quasi auf Abruf ein Gedicht zu verfassen, das deinem Suchen nach einem Abschluss wirklich entspricht.

    Gefällt 1 Person

    • Lieber Ángel,
      mein Buch hat ja bereits einen Abschluß – und zwar die Gedichtreihe: Aus der Stille heraus / An meine Freunde.
      An diesem Ende soll sich auch nichts ändern. Ich hatte lediglich in Erwägung gezogen, dieses Herbst-Gedicht noch mit in das Manuskript aufzunehmen, nicht als Abschluß-Gedicht, sondern etwa an drittletzter Stelle. Das hatte ich dir ja auch so geschrieben.
      Und im übrigen habe ich dieses Gedicht auch nicht „auf Abruf“ verfaßt.
      Herzliche Grüße,
      Hannah

      Gefällt 1 Person

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