Ein Außenseiter / Anders zu sein

 
 
Ein Außenseiter
war ich: in der Grundschule.
Später dann – nicht mehr?
 
 
*
 
 
Seltsam fanden sie
mich – und seltsam war ich wohl.
Immerzu schrieb ich!
 
 
*
 
 
Ausdrücken konnte
ich mich damals ausschließlich:
schriftlich. Sonst schwieg ich.
 
 
*
 
 
Immerzu schrieb ich
ellenlange Briefe – an
die Banknachbarin!
 
 
*
 
 
Muß ich die alle
lesen? fragte sie entsetzt.
Das verstand ich nicht!
 
 
*
 
 
Wie konnte sie denn
nicht lesen wollen, was ich
schrieb? Seltsam war das!
 
 
*
 
 
Seltsam fand ich sie –
und seltsam fanden sie mich:
meine Mitschüler!
 
 
*
 
 
Ellen hieß die, der
ich ellenlange Briefe
schrieb. Ellen! Im Ernst!
 
 
*
 
 
Das habe ich mir
nicht ausgedacht! Ellen hieß
sie! Was schrieb ich ihr?
 
 
*
 
 
Das weiß ich nicht mehr!
Ich weiß nur, daß ich schreiben
wollte – und mußte!
 
 
*
 
 
Später stellte ich
das Schreiben – an Ellen – ein.
Statt dessen schrieb ich –
 
 
*
 
 
– niedliche Sprüche
in die Poesie-Alben!
Das war so üblich!
 
 
*
 
 
Immerhin durfte
auch ich in ihre Alben
schreiben. Gottseidank!
 
 
*
 
 
Niedliche Sprüche
und Gedichte schrieb ich in
die Alben hinein!
 
 
*
 
 
Auch zeichnete
ich: niedliche Kaninchen
und bunte Blümchen!
 
 
*
 
 
Fanden sie mich dann
nicht mehr so seltsam? Leider
doch! Ja. Immer noch!
 
 
*
 
 
Zu schüchtern war ich,
um dazu zu gehören –
und zu verschwiegen!
 
 
*
 
 
Seltsame Kleider
trug ich außerdem auch noch!
Mußte sie tragen!
 
 
*
 
 
Karierte Röcke
und weiße Spitzenblusen
mußte ich tragen!
 
 
*
 
 
Cordhosen durfte
ich nicht tragen – und keine
Jeans – zu dieser Zeit!
 
 
*
 
 
Seltsam sah ich aus –
und seltsam war ich wohl auch –
in ihren Augen!
 
 
*
 
 
Später trug ich Jeans –
doch immer noch fanden sie
mich: ziemlich seltsam!
 
 
*
 
 
In der Grundschule
blieb ich jedenfalls: seltsam –
in ihren Augen!
 
 
*
 
 
Immer noch: schüchtern
und immer noch: zu schweigsam
fanden sie mich wohl.
 
 
*
 
 
Ich war: nicht locker,
war wohl: viel zu ernsthaft – für
mein zartes Alter!
 
 
*
 
 
Ich lachte: kaum noch!
Schon gar nicht in der Klasse!
Worüber denn auch?
 
 
*
 
 
Dafür lachten sie
oft und gerne über mich-
Lustig war das – nicht!
 
 
*
 
 
Worüber lachten
sie? Über die zu feinen
Kleider, die ich trug?
 
 
*
 
 
Über meine viel
zu geschliffene Sprache –
wenn ich einmal sprach?
 
 
*
 
 
Über mein Schweigen,
als ich das Sprechen aufgab,
die Sprache verlor?
 
 
*
 
 
Lockerer wurde
ich dadurch jedenfalls nicht!
Eher: seltsamer!
 
 
*
 
 
Vielleicht liest Ellen
später einmal dies Gedicht –
und denkt sich: seltsam!
 
 
*
 
 
Vielleicht liest auch die
eine oder andere
Mitschülerin mit?
 
 
*
 
 
Seltsam, denken sie
vielleicht. Aber seltsam war
sie ja – immer schon!
 
 
*
 
 
Damals wollte ich
zu ihnen gehören! Doch
inzwischen – nicht mehr!
 
 
*
 
 
Ja, anders war ich –
immer schon! Doch heute bin
ich gerne: anders!

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 
 
 

 
 
 
 

 
 
Hannah

3.10.2018

15 Kommentare

Eingeordnet unter Allgemein

15 Antworten zu “Ein Außenseiter / Anders zu sein

  1. Glaub mir, ich arbeite auch daran. Leider sind meine Anpassungsmechanismen sehr selbstständig.

    Sehr schön und macht Mut Dein Text.

    Gefällt 1 Person

  2. Du wärst meine Freundin geworden – ganz sicher! Und hoffentlich liest die doofe 🙂 Ellen Deine Worte… Ach egal, die checkt es wahrscheinlich immer noch nicht 🙂

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  3. Weißt du, vieles was du schreibst erinnert mich an mich…. 🙂

    Gefällt 1 Person

    • Vielleicht waren viele von uns, die wir heute viel lesen und schreiben, früher Außenseiter?
      Alles Liebe und allerherzlichste Herbstgrüße
      von Hannah
      Und danke dir vielmals für deinen Kommentar, liebe Ariana!
      P.S. Den Gedichten habe ich eben noch einge weitere Verse hinzugefügt …
      Nicht ans Ende sondern mitten hinein.

      Gefällt 1 Person

  4. Hier waren es Rundstrickhosen mit Bügelfalte und Ellen hieß Anjakatjacathrin, dort waren es dann Latzhosen und Lederschuh und Ellen hieß Angelikabendimitri – es gibt Sachen, die ändern sich nie… Aber härten ab, das kleine Seelchen

    Gefällt 1 Person

    • Nun ja, ich weiß nicht, ob man so kleine Seelen wirklich abhärten kann …?
      Meine Seele konnte, glaube ich, nicht wirklich abgehärtet werden –
      aber umso besser, denke ich mir heute, denn wer will schon eine abgehärtete Seele haben?; )
      Rundstrickhosen mit Bügelfalte – das klingt jedenfalls lustig … !
      Aber Anjakatjacathrin war trotzdem eine blöde Kuh – und Angelikabendimitri offensichtlich auch … !
      Aber Ellen war vielleicht doch keine blöde Kuh, denke ich mir gerade.
      Lesen war einfach nur eine zu anstrengende Angelegenheit für sie … ! ; )
      Liebe Grüße! Hannah

      Gefällt 1 Person

  5. Wenn die Masken an dem Sein abperlen,
    sind wir alle anders und seltsam besonders,
    wenn wir uns erlauben einen seltsam paradoxen venezianischen Karneval feiern …
    Vor der reinen, kindlichen Nacktheit haben wir ja noch zu viel Angst,
    wohl auch um erkennen und erkannt zu werden, wie anders wir sind
    und doch gemeinsam kreieren …

    Nur ein verrückter, anderer Seltsamer,
    Raffa.

    Gefällt 1 Person

  6. schön! und traurig. und dann wieder schön! das mag ich gerne in deinen haikus, diese Mischung aus schmerz und lachen! danke dafür.

    Gefällt 1 Person

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