Ohne Worte

 
I
 
 
 
Kein Wort mehr vom Gold
der Bäume, kein Wort vom Wind!
Kein Wort mehr vom Herbst!
 
 
*
 
 
Kein Wort mehr vom Lied
des Regens, kein Wort vom Wald,
vom goldenen Licht!
 
 
*
 
 
Kein Wort vom Himmel,
den Sternennächten, dem Mond –
und kein Sonnenwort!
 
 
*
 
 
Kein Wort mehr vom See,
vom alten Haus am Waldrand,
vom Lied der Stille!
 
 
*
 
 
Keine Haikus mehr!
Keine Kirschblütenworte!
Kein Wort mehr vom Meer!
 
 
*
 
 
Kein Liebesgedicht!
Kein Sehnsuchtswort mehr! Kein Blitz-
und kein Donnerwort!
 
 
*
 
 
Keine Eichhörnchen
mehr! Kein Wort von den Vögeln!
Kein Wort mehr vom Schnee!
 
 
*
 
 
Kein Wort mehr vom Licht
des Sommers, vom rauschenden
Herbst! Kein Winterwort!
 
 
*
 
 
Kein Wort vom Frühling!
Kein Wort von der Hoffnung – auf
weitere Worte!
 
 
*
 
 
Kein Wort mehr von Gott!
Kein Wort von deiner Seele!
Kein Wort von Herzen!
 
 
 
II
 
 
 
Nun reicht es aber!
Kein Wort von meiner Seele?
Kein Wort vom Herzen?
 
 
*
 
 
Ich werde mich doch
nicht mundtot machen lassen –
von diesem Schwätzer!
 
 
*
 
 
Kein Wort mehr vom Tod!
ruft er – beinahe ängstlich.
Kein Wort mehr von Angst!
 
 
*
 
 
Kein Wort von der Angst!
Kein Wort mehr vom Mut, den die
Worte erfordern!
 
 
*
 
 
Kein Wort vom Mißbrauch!
Kein Wort vom Aufbegehren –
gegen das Schweigen!
 
 
*
 
 
Kein Wort von Schlägen!
Kein Wort vom Schweigegebot!
Kein Wort vom Schweigen!
 
 
*
 
 
Du willst mir mein Wort
verbieten? frage ich ihn.
Natürlich! sagt er.
 
 
*
 
 
Ich verbitte mir
dein Wort! All deine Worte
verbiete ich dir!
 
 
*
 
 
Ich bin kein Kind mehr,
sage ich ihm. Du bist nichts –
als die alte Angst!
 
 
*
 
 
Ich bin deine Angst,
stimmt er mir zu. Deine Angst –
vor deinen Worten!
 
 
*
 
 
Ich bin deine Angst
vor deinem eigenen Wort!
Ich bin: dein Schweigen!
 
 
 
III
 
 
 
Du bist das Schweigen,
das sich nicht verschweigen läßt,
bist: ohne Worte!
 
 
*
 
 
Du bist der Abgrund
zwischen Wort und Schweigen. Wer
spricht? frage ich mich.
 
 
*
 
 
In deinem Namen
spreche ich, spricht er. Du weißt
doch – daß ich du bin!
 
 
*
 
 
Ich bin das Schweigen
zwischen all deinen Worten!
Ich bin: die Stille!
 
 
*
 
 
Ich kehre zurück
in die Stille, wenn auch du
endlich schweigen wirst!
 
 
*
 
 
Ich bin die letzte
Konsequenz deiner Worte!
Ich bin: dein Ende!
 
 
 
IV
 
 
 
Du bist die letzte
Konsequenz meines Schweigens!
entgegne ich ihm.
 
 
*
 
 
Du bist die Folge
von zuviel Verschwiegenheit!
Du bist: die Lüge!
 
 
*
 
 
Du bist der Zensor,
den ich nun zensieren muß!
Kein Wort mehr – von dir!

 
 
 

 
 
 

 
 
 

 
 
 

 
 
 

 
 
 
 
 
 

Hannah

8.9.2018

4 Kommentare

Eingeordnet unter Allgemein

4 Antworten zu “Ohne Worte

  1. Das ist brilliant und hat mich tief berührt.

    Gefällt 2 Personen

    • Du ahnst ja gar nicht, wieviel mir dieser Kommentar von dir bedeutet!
      Mit diesen Gedichten habe ich lange gekämpft (oder auch: gegen diese Gedichte) – und hätte sie gestern abend und gestern nacht fast gelöscht.
      Wie mächtig so ein innerer Zensor doch sein kann, auch nach so vielen Jahren noch … ! Das ist schon erstaunlich!
      Nun bin ich ganz froh, daß ich die Gedichte doch nicht gelöscht habe.
      Hab vielen lieben Dank für deine Worte und sei herzlich gegrüßt
      von Hannah

      Gefällt 1 Person

  2. Oh, vielen lieben Dank … !!!
    Ja, manchmal fragt man sich ja schon, wofür man überhaupt schreibt und ob sich das Ganze überhaupt lohnt und so weiter … diese vielen vielen Stunden am Schreibtisch (oder sonstwo, jedenfalls schreibend … ; ) und manchmal fragt man sich ja auch, für wen überhaupt (außer natürlich für sich selbst… ; )
    Zur Zeit packen mich ziemlich viele Selbstzweifel und es ist nicht immer leicht, die berechtigten von den unberechtigten Zweifeln zu trennen
    und die unberechtigten Zweifel so weit in den Griff zu bekommen, daß man halbwegs unbehelligt weiterschreiben kann. Aber das kennst du ja sicher!
    Umso mehr freue ich mich über Kommentare wie deine, also vielen herzliche Dank nochmal und nochmals viele liebe Grüße!
    Hannah

    Gefällt 1 Person

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