Nemesis

I
 
 
Haben wir die Wahl
zwischen hellen und dunklen
Worten und Taten?
 
 
*
 
 
Wenn wir dankbar sind,
können wir nicht gleichzeitig
zornig sein. Oder?
 
 
*
 
 
Irgendwo las ich
den Satz: der Narr wird zornig,
der Weise versteht.
 
 
*
 
 
Wo stand dieser Satz?
Auf einer Speisekarte
beim Lieblingsinder.
 
 
*
 
 
Eine lapprige,
klebrige Speisekarte –
und ein weiser Satz!
 
 
*
 
 
Doch wenn wir niemals
zornig werden, können wir
uns niemals wehren!
 
 
*
 
 
Vielleicht ist die Kunst
diese: zornig zu werden –
doch nicht für immer?
 
 
*
 
 
Vielleicht könnten wir
auch zornig sein – und später
– vielleicht – verzeihen?
 
 
 
II
 
 
Am liebsten hätte
ich ihm geschrieben: ich bin
deine Nemesis!
 
 
*
 
 
Ich bin die Göttin
des gerechten Zornes! hätte
ich ihm geschrieben!
 
 
*
 
 
Du sollst bereuen,
was du uns angetan hast!
Immer und ewig!
 
 
*
 
 
Jede Sekunde
deines Lebens lang sollst du
bereuen: Alles!
 
 
*
 
 
Dein Leben lang sollst
du bereuen und büßen!
Jede Sekunde!
 
 
*
 
 
In der Hölle sollst
du schmoren für all deine
Taten! Für immer!
 
 
 
III
 
 
Gibt es einen Zorn,
der gerecht wäre? Gibt es
eine Nemesis?
 
 
*
 
 
Ist denn nicht jeder
Täter früher auch einmal
Opfer gewesen?
 
 
*
 
 
Ich kann niemandes
Nemesis sein – und mein Zorn
kann nicht gerecht sein!
 
 
*
 
 
Zorn kann wichtig sein,
Zorn kann nachvollziehbar sein,
doch niemals: gerecht!
 
 
*
 
 
Wer kann entscheiden,
war Täter und wer Opfer
war, ist und sein wird?
 
 
 
IV
 
 
Ich bin kein Opfer
mehr – und schon gar nicht seines!
Ich entscheide mich!
 
 
*
 
 
Ich bin kein Opfer –
und schon gar nicht das seine!
Ich bin mehr als das!
 
 
*
 
 
Ich bin kein Opfer
meines eigenen Zornes!
Ich entscheide mich!
 
 
*
 
 
Ich entscheide mich
für die helleren Worte –
und gegen den Zorn!
 
 
*
 
 
Haben wir die Wahl
zwischen hellen und dunklen
Worten und Taten?
 
 
*
 
 
Früher hatten wir
vielleicht keine Wahl! Heute
haben wir die Wahl!

 
 

 
 
 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 
Hannah

3.2.2018

22 Kommentare

Eingeordnet unter Allgemein

22 Antworten zu “Nemesis

  1. wernerkrebber

    Ja, wir haben die Wahl zu entscheiden. Jetzt. Immer. – Danke für diese Zeilen! Werner

    Gefällt 2 Personen

  2. Man kann, darf zornig werden, sich wehren und danach vergeben(nicht alles) – oft sogar helfen dabei, dass gewisse Dinge nicht noch einmal geschehen. Also sich auseinandersetzen, zu den Wurzeln des Übels gehen.
    Der Blick auf den Täter als Opfer ist in diesem Zusammenhang wichtig, darf beim Erwachsenen jedoch nie als Rechtfertigung dienen, nur als Erkenntnis/Erklärung. Als erwachsener Mensch bin ich verantwortlich für meine Taten und muss die Konsequenzen tragen. Das habe ich gelernt als jemand, der lange Zeit immer alles entschuldigt hat, was mir angetan wurde.

    Gefällt 4 Personen

  3. claudia

    liebe hannah,
    es gibt vielerlei arten von zorn. wenn er aus ungeduld und arroganz entsteht, dann ist er wie ein giftiger dorn im eigenen fleisch, der verletzt auf beiden seiten.
    aber nemesis ist die göttin des gerechten zorns, „bis hierhin und nicht weiter“
    dieser zorn ist wie eine grenze die man verteidigen darf und muss, denn wer die grenze überschreitet um zu verletzen, zu demütigen oder zu quälen, muss in seine schranken verwiesen werden.
    die herausforderung für das sanfte gemüt ist den moment zu erkennen, wann der zorn „in unseren händen liegt“ wie die zügel eines pferdegespanns, bevor uns die kontrolle entgleitet und der zorn uns hinter sich her über den boden schleift und zerrt.
    das ist wie gesagt meine persönliche meinung.

    Gefällt 2 Personen

    • Ja, es gibt verschiedene Arten von Zorn, da stimme ich dir zu, liebe Claudia! Und ja, es gibt auf jeden Fall Grenzen, die man verteidigen darf und muß, das sehe ich auch so. Als Kind hat man allerdings nicht immer die Chance, Grenzen zu ziehen und sich zu verteidigen.
      Werden die Grenzen übertreten, dann stellt sich später die Frage:
      Wohin jetzt mit meinem Zorn?!
      Was bringt dieser nachträgliche Zorn – und wie gehe ich mit ihm um?
      Und: bin ich ihm ausgeliefert – meinem eigenen Zorn – oder nicht?
      Schwierige, sehr schwierige Fragen – und ich selbst habe kein Patentrezept dafür und auch keine allgemeingültigen Antworten.
      Ich habe aber das Gefühl, daß man mit der Zeit immer mehr Macht über seine eigenen Gefühle gewinnt – oder zumindest einen gewissen Spielraum, der es einem ermöglicht, sich nicht immer wieder in dieselben Gefühlsstudel hineinziehen zu lassen.
      Alles Liebe und danke dir für deinen Kommetar,
      Hannah

      Gefällt 1 Person

  4. Oh Hannah,
    Was für eine Erkenntnis!
    Welch Wandel!
    Weite, Freiheit,
    WahlFREIHEIT!
    Möge sie heilsam sein
    für Dich und …..
    Du hast die Wahl,
    wen Du freisprichst.
    Herzlich Heidrun

    Gefällt 3 Personen

  5. Das ist wieder eins von deinen Gedichten, bei denen ich beim Lesen den Atmen anhalte, weil mir die Worte mit so einer Wucht entgegenkommen. Ich gestehe, ich musste erstmal nachsehen, was oder wer Nemesis eigentlich genau ist. Wenn ich Wikipedia glauben darf, ist sie nicht nur „die Göttin des gerechten Zorns“, sondern auch die der „ausgleichenden Gerechtigkeit“ – und ich finde, genau diesen Zusammenhang, diesen Übergang vom einem zum anderen, stellt dein Gedicht her: den Zusammenhang zwischen dem „gerechten Zorn“ (der mitunter für eine Befreiung nötige Voraussetzung ist) und der ausgleichenden Gerechtigkeit. Letztere setzt irgendwann ein, wenn eine konstruktive Auseinandersetzung mit dem gerechten Zorn den Ausgleich ermöglicht hat, worin auch immer er bestehen mag. Danke für dieses Gedicht, das mich wieder mal zum Nachdenken angeregt hat.

    Gefällt 3 Personen

  6. Herzlichen Dank für deinen Kommentar, liebe Bettina!
    Ich freue mich über deine Worte, die mich zum Nachdenken angeregt haben
    (so wie meine Gedichte offensichtlich dich zum Nachdenken angeregt haben… ; )
    Über die Differenz und die vielfältigen Zusammenhänge zwischen dem gerechten Zorn, so es ihn überhaupt gibt, und der ausgleichenden Gerechtigkeit – falls es eine solche überhaupt geben kann – ließe sich vieles schreiben. Ich denke, sie beide sind lediglich Ideen, Konstrukte, Gedankenkonstrukte. Einige Dinge können niemals ausgeglichen werden,
    können nie, niemals wieder gut gemacht werden.
    Aber wir können lernen, mit unseren eigenen Gefühlen umzugehen und sie nicht überhand nehmen zu lassen, sondern sie immer wieder mal behutsam in eine andere Richtung zu lenken.
    Viele liebe Grüße,
    Hannah

    Gefällt 1 Person

  7. tausend dank für dieses mächtige gedicht!!! und für die vielen interessanten kommentare…ein weites feld…und dein gedicht wie ein riesiger, starker, uralter und weiser baum❤️

    Gefällt 2 Personen

  8. Arabella

    So kraftvoll! Ja ich glaube auch dass der Zorn uns immer wieder zu Opfern machen kann, weil wir dadurch gefühlsmäßig zurückgehen in die Zeit als wir Opfer waren…und wir die Entscheidung haben ob wir dem noch soviel MACHT geben wollen oder eben auch nicht. Hinter oder Unter? dem Zorn liegt der Schmerz und da denke ich immer: The only way out is through. Vielleicht sind wir ja weise Narren?

    Gefällt 2 Personen

    • Ja, ich denke auch, daß hinter oder vielmehr unter dem Zorn immer der Schmerz (verborgen) liegt – und daß wir da durch müssen – durch diesen unseren Schmerz hindurch. Und im Grunde genommen sind wir da schon durch gegangen, wieder und wieder. Und ab und zu müssen wir dann doch noch mal da durch. Aber wir müssen nicht darin verharren, in diesem Schmerz. Wir gehen (immer mal wieder aufs neue) da durch – und dann gehen wir – weiter … !

      Viele liebe Grüße,
      Hannah

      Gefällt 1 Person

  9. Christina

    ❤️ kein intellektueller Kommentar. Musste weinen beim Lesen.

    Gefällt 1 Person

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